Not lehrt Beten

von Kirchenkreis Gladbeck-Bottrop-Dorsten

Gebetsanliegen sind Wunsch nach Trost

Foto: EKD

Nichts ist so sicher wie das Amen in der Kirche - doch zurzeit scheint nicht einmal das sicher. Denn Gottesdienste mit Gemeinde finden nirgendwo in Deutschland statt, auch im Vatikan oder in Israel wird vor überwiegend leeren Kirchenbänken gepredigt. Gleichzeitig wächst aber die Sehnsucht nach dem Zuspruch der Kirchen. Rundfunkgottesdienste erzielen Rekordreichweiten, aber auch im Internet ist die Kirche jetzt omnipräsent. Auch im Evangelischen Kirchenkreis Gladbeck-Bottrop-Dosten bietet fast jede Gemeinde im Internet Andachten, "Sonntagsgrüße" in Form von Videos oder biblische Impulse an, um die biblische Botschaft zu Gehör zu bringen und den Menschen stärkende und ermutigende Worte mit auf den Weg zu geben.

Aber auch in sozialen Medien wie Twitter, Instagram, Youtube und Facebook werden Gebetsanliegen geteilt. Dort finden sich auch Nutzerinnen und Nutzer, die von sich selbst sagen, dass sie weder religiös sind, noch an Gott glauben. Aber Beten könne ja nicht schaden.

Das Gebet ist also in der Krise so populär wie nie zuvor. Diese Beobachtung hat auch die Essener Pfarrerin Hanna Jacobs gemacht, die beim alternativen Gemeindeprojekt "Raumschiff Ruhr" arbeitet. Sie führt die Tatsache, dass jetzt auch viele nicht religiöse Menschen wieder beten, auf zwei Gründe zurück. Zum einen gebe es in der amerikanisch geprägten Popkultur starke Vorbilder. Zum anderen besönnen sich viele Menschen in Kriegs- und Krisenzeiten auf eine höhere Macht, die ihnen vielleicht helfen kann.

"Not lehrt Beten", sagt die Evangelische Theologin Eva Harasta, die sich wissenschaftlich mit dem Thema "Gebet" befasst hat und auch auf Twitter aktiv ist. Dort finde sie vor allem Fürbitten und Segenssprüche, die viele Menschen teilen und die häufig auch von kirchlichen Internetseiten gepostet werden. "Im Gebet entwickelt sich auch ein Verhältnis zum eigenen Leben", erklärt Harasta.

Gerade in Krisenzeiten haben viele Menschen das Bedürfnis, sich mit dem Lebenssinn zu beschäftigen. Im Wunsch zu beten, drücke sich daher auch eine Verunsicherung aus, die viele Menschen angesichts einer durch Krankheit und wirtschaftliche Not gefährdeten Existenz fühlen, vermuten die beiden Pfarrerinnen Jacobs und Harasta. "Die vielen Gebetsanliegen sind Ausdruck von Hilflosigkeit, aber auch ein Wunsch nach Trost", sagt Jacobs. Sie sind auch Momente der Selbstreflexion.

Ein Gebet könne helfen, die Unsicherheit zu akzeptieren und festzustellen, dass man die Situation gerade nicht selbst kontrollieren könne, was aber gleichzeitig nicht heißen müsse, dass alles schlecht endet, sagt Harasta, die an der Evangelischen Akademie in Wittenberg arbeitet. Sie stellt fest, dass viele Postings nicht nur Bitten, sondern auch viel Dank enthalten. Dankbarkeit für kleine Dinge, die die Aufmerksamkeit auf Schönes lenke. Da poste etwa jemand das Bild einer blühenden Magnolie.

Einen Punkt halten jedoch beide Theologinnen für wesentlich: Es ist nicht egal, an wen man sich im Gebet wendet. In der christlichen Tradition ist das nun mal Gott. Gott könne jedoch auch Ausdruck in der Gemeinschaft der Gläubigen finden, die sich gerade im Internet versammelt. Viele, die von sich sagen, sie glaubten nicht an Gott, wünschten sich trotzdem Feedback von der Community im Netz, die vielleicht die Gebetsanliegen aufgreift, sagt Harasta. Das gemeinsame Gebet und das Teilen von Gebetsanliegen sei auch gegenseitige Unterstützung und Bestärkung. "Wenn die sozialen Medien so einen Austausch bringen können, wäre das doch ganz wunderbar." Bu/epd

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