einwort

einwort ist das Magazin der Evangelischen Kirchengemeinde Bottrop. Für jede Ausgabe wählen wir ein Wort, dessen Breite und Länge und Tiefe und Höhe wir ausloten. Wir glauben, dass ein Wort die Seele gesund machen kann. Auf der Suche nach den richtigen Wörtern erzählt einwort von Gott und der Welt. Denn am Anfang von allem war das Wort, und das Wort war bei Gott.

Den Drachen jagen

von Ev. Kirchengemeinde Bottrop

Die Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt, sitzt Björn vor mir. Er blickt fast die ganze Zeit auf den Boden, bewegt sich unruhig hin und her, weicht meinen Blicken aus. Turnschuhe, Sweatshirt, schwarze Jacke. Björn ist 52. Er hat 20 Jahre Heroin hinter sich. Seit 8 Jahren nimmt er Methadon.

Björn* aus Bottrop hat sich bereit erklärt, mit mir über seine Drogensucht zu sprechen. Wie kam er zum Heroin? Wie hat er die Sucht finanziert? Wo kam der Stoff her? Und wer hat ihm eigentlich geholfen, von den Drogen loszukommen und stattdessen Methadon zu nehmen? Wie bei jeder Lebensgeschichte beginnt auch diese in einem familiären Umfeld.

Die Mutter ist geschieden und versorgt neun Kinder. Offenbar gute Jahre in einem bis heute funktionierenden Familienzusammenhalt. Es folgt eine klassische kaufmännische Ausbildung. Drogen spielen in den jungen erwachsenen Jahren eine Nebenrolle. Immerhin. Haschisch, Kokain und Zigaretten sowieso. Alkohol sicherlich auch. Aber es ist in Summe eine vergleichsweise unauffällige Existenz zwischen Festanstellung und Freizeit. Bis eine Freundin seiner Lebensgefährtin die beiden in ihrer gemeinsamen Wohnung besucht. Sie bringt das erste Heroin mit. „Die hat mir das regelrecht angeboten, und da hab ich‘s auch ausprobiert. Und wenn du das einmal ausprobiert hast, dann wirst du ganz ruhig und kommst ganz tief runter. Kann man sich gar nicht so vorstellen. Ist unheimlich.“

Björn blickt nach wie vor verstohlen auf den Boden. Er sagt mir später, dass er seine Geschichte bisher noch nie einem Fremden erzählt hat. Vielleicht ist es ihm unangenehm, darüber zu sprechen. Und dennoch werden wir eine ganze Stunde im Martinszentrum verbringen und sein Leben in Auszügen skizzieren.

Du knipst dich einfach aus

Er hat sich das Heroin nie gespritzt. Björn hat es immer geraucht. Dabei wird das Heroin auf einer Alufolie verteilt und von unten mit einem Feuerzeug erhitzt. Den Rauch der verdampfenden Droge atmen die Süchtigen ein. Der Effekt ist nahezu identisch wie beim Spritzen, die Infektionsrisiken jedoch deutlich geringer.

Vollnarkose

„Du machst dir also so ein, zwei Punkte und rauchst die dann. Und dann fliegst du weg. Das ist, als wenn du eine Vollnarkose kriegst. Du knipst dich einfach aus. Beim ersten Mal ist das echt abgefahren!“ Genau diesen Kick suchen die Süchtigen fortan immer wieder – und werden ihn doch nicht mehr finden. Sie jagen den Drachen – sagen sie. Jeden Tag brauchen Heroinsüchtige zwischen 0,5 und 5 Gramm. Das ist von Person zu Person unterschiedlich. Der Preis pro Gramm liegt bei etwa 50 Euro. Im Mittel sind das jeden Tag Drogen im Wert von 100 Euro. 3.000 Euro pro Monat.

Ich hab ein ganzes Haus weggemacht

Björn wird deutlich ruhiger, sieht mich öfter an. Wir reden wirklich gut miteinander. „Ich habe vor unserem Gespräch meine 10 ml Methadon getrunken. Alles unter ärztlicher Aufsicht. Und ich merke richtig, wie das anfängt zu wirken. Das fängt oben an und geht dann durch bis ganz unten. Das macht mich ruhig.“ Damals fuhr er fast jede Woche nach Amsterdam oder Rotterdam, um sich seinen Stoff zu besorgen. In Holland ist Heroin offenbar günstiger. In Deutschland hat er in der Lebensmittelbranche gearbeitet. Bis heute. Das heißt: 4.00 Uhr aufstehen, 16.00 Uhr Schicht, und dann noch die Fahrten nach Holland mit der Bahn. Was für ein Leben. Immerhin: Für ihn gab es nie das Thema Beschaffungskriminalität, er hat sich sein Geld schwer erarbeitet. „Das war damals alles so okay, ich hab viel gearbeitet. Meine Sucht hat eigentlich überhaupt niemand bemerkt. Aber wenn ich jetzt zurückdenke, dann habe ich in den Jahren bestimmt ein ganzes Haus weggemacht. Ja, das hab ich echt durch die Drogen weggeknallt. Ehrlich.“

Das Ziel ist die Null

Die Freundin nahm Drogen, zig Bekannte sind längst daran gestorben. Und dann hörte erst die Freundin auf und animierte schließlich Björn, die Finger vom Heroin zu lassen – auch um die Methadonbehandlung anzunehmen. Wer mit Methadon beginnt, ist im Grunde immer noch süchtig, braucht aber nicht mehr die illegalen und möglicherweise auch verunreinigten/vergifteten Drogen zu verkonsumieren. Dabei wirkt Methadon im Hirn auf jene Rezeptoren, die auch vom Heroin stimuliert werden. Methadon ist jedoch so stark, dass andere Opioide nahezu keine Wirkung mehr zeigen.

Auch bei Björn ist das so. 24 bis 36 Stunden wirken die 10 Milliliter. Angefangen hat er vor etwa 8 Jahren mit 25 Milliliter. Langfristig will er die Null erreichen. Bis dahin ist es aber noch ein ganz schönes Stück. Vielen hat Gott geholfen Und welche Rolle spielen Gott, die Kirche und der Glauben in seinem Leben? „Manchmal gehe ich in die Kirche, und da ist dann Ruhe. Ich setze mich hin und kann abschalten. Das mache ich oft. Dann kannst du mal alles fallen lassen. Das ist dann schön.“ So sieht sie aus, seine Verbindung zur Kirche. Sie ist praktisch und zweckmäßig, und sie ist positiv und erreichbar. Niederschwellig, könnte man sagen. Oder auch einfach nur offen. „Ich kenne viele Leute, die mir sagen, dass ihnen Gott geholfen hat. Die haben auch aufgehört. Oder die waren im Knast, haben in der Bibel gelesen, und das hat denen geholfen. Kenne ich einige von.“

Wie der Glaube ihn unmittelbar begleitet, kann Björn gar nicht beantworten. Er weiß aber, dass seine Freundin Kreuze und Engelchen besitzt. Und so trifft er sich mit mir bei der evangelischen Kirche in Bottrop. Die Hemmschwelle kann so hoch nicht sein. Das Grundvertrauen ist da. Und dann schließen wir mit unserem Gespräch. Stellenweise war es erschütternd, mitunter beinahe fröhlich. Und doch bleiben die ersten Sätze des Gesprächs ganz besonders hängen: „Heroin ist grausam. Das kann man nicht erklären. Ein ganz mieses Gefühl.“ Björn ist auf einem guten Weg. Seine Freundin hat ihn vielleicht gerettet.

*Name ist von der Redaktion geändert.

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