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einwort ist das Magazin der Evangelischen Kirchengemeinde Bottrop. Für jede Ausgabe wählen wir ein Wort, dessen Breite und Länge und Tiefe und Höhe wir ausloten. Wir glauben, dass ein Wort die Seele gesund machen kann. Auf der Suche nach den richtigen Wörtern erzählt einwort von Gott und der Welt. Denn am Anfang von allem war das Wort, und das Wort war bei Gott.

Future. Die Maloche von morgen

von Ev. Kirchengemeinde Bottrop

Es gibt Studien, die besagen, dass in zwei oder drei Jahrzehnten fast jeder zweite Job durch Roboter und KI* ersetzt wird.

*künstliche Intelligenz

Wie arbeiten wir in Zukunft?
Die künftigen Arbeitsformen werden nicht alleine von Technologien bestimmt. Organisationsmodelle spielen eine Rolle und die Werte einer Gesellschaft, insbesondere welche Tätigkeiten ein hohes Ansehen genießen und welche nicht. Letztlich hängt es davon ab, in welchem Gesellschaftssystem wir einmal leben werden. Leider wird diese Diskussionen heute oftmals auf wenige technologische Trends wie Industrie 4.0 reduziert – oder auch künstliche Intelligenz (KI) und die Robotik, die von manchen Kollegen teilweise noch mehr gehyped werden.

Und was heißt das nun für unsere Arbeit in 20 Jahren?
Es gibt Studien, die besagen, dass in zwei oder drei Jahrzehnten fast jeder zweite Job durch Roboter und KI ersetzt wird. Ich stehe diesen Studien – und selbst denen mit weit geringeren Vorhersagen – sehr kritisch gegenüber. Erstens sieht man immer nur die Verluste: Wir können ungefähr identifizieren, welche Tätigkeiten durch KI abgelöst werden, wir können aber nicht abschätzen, wie viele und welche neuen Jobs zugleich entstehen. Zweitens stellt man sich KI oder Roboter viel perfekter vor, als sie in absehbarer Zeit sein werden. Da gilt eine alte Faustregel für Zukunftsforscher: Kurzfristig übertreibt man die Entwicklungen und langfristig geht man mit viel zu wenig Fantasie ans Thema.

Wie sieht denn Ihre Fantasie aus?
Ich neige da zu sehr langfristigen Betrachtungen und frage mich: Wie war das im 19. und im 20. Jahrhundert? Im Verlauf der letzten beiden Jahrhunderte sind in Deutschland wahrscheinlich mehrere Hundertmillionen Jobs verloren gegangen. Angefangen in der Textilwirtschaft bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, man denke nur an die Weber-Aufstände und die damit einhergehenden sozialen Kämpfe.

Dann in der Landwirtschaft: Um 1900 waren rund 90 Prozent aller Beschäftigten in dem Bereich tätig. Heute sind es nur noch ein paar wenige Prozent. Und trotzdem ist die Arbeit den Menschen nicht ausgegangen. Man kann es prägnant formulieren: Die alte Utopie, dass man am Tag nur noch zwei oder drei Stunden arbeiten muss, um ein hinreichendes Einkommen zu haben und damit ein auskömmliches Leben führen zu können, hat sich nicht bewahrheitet.

Warum ist das so?
Ein wichtiger Grund sind die gewachsenen Ansprüche der Menschen. Wir leben heute in einem materiellen Überfluss, der schon für unsere Urgroßeltern unvorstellbar war. Man kann das an Wohnfläche pro Einwohner oder auch an der Anzahl der Dinge bemessen, die in den Wohnungen herumstehen und nicht genutzt werden. Insofern sind unsere Ansprüche genauso schnell gewachsen wie die Leistungsfähigkeit des Wirtschaftssystems, und deshalb ist die Arbeitssumme ungefähr gleich geblieben. Man kann sich ja durchaus eine suffiziente, eingeschränkte, selbstzufriedene Lebensweise vorstellen, in der man sehr viel weniger Dinge wirklich braucht und verbraucht. Aber eine derartige selbstgenügsame, utopische Lebensweise passt nicht in unsere Gesellschaft und widerspricht ihren Funktionsprinzipien. Sie wird deshalb auch nur von einigen wenigen am Rande gelebt.

Welche Rolle spielt die Bildung zukünftig?
Die alte Devise „Lern was Gutes, dann hast du einen sicheren Job“, gilt nicht mehr so uneingeschränkt wie früher, denn erworbenes Wissen kann rasch seinen Wert verlieren. Nach wie vor ist Qualifikation allerdings die Basis für einen guten Job. Ich würde aber sagen, dass nicht die extreme Spezialisierung, sondern ein breites Kompetenzportfolio zu hochwertigen Tätigkeiten führt. Tatsächlich sind soziale und kommunikative Kompetenzen in den Vordergrund getreten, weil wir doch sehr viel mehr in Teams zusammen arbeiten und nicht mehr vereinzelt am Fließband stehen.

Zugleich will ich hier einmal ein Loblied auf die gute alte Handarbeit singen. Die Hand-Augen-Koordination hat einen entscheidenden Anteil an der Evolution des Menschen gehabt. Es ist daher kein Zufall, dass viele Menschen eine hohe Befriedigung daraus ziehen, mit den eigenen Händen etwas herzustellen oder zu reparieren. Es wird auch zukünftig Berufe geben, die diese Fähigkeiten verlangen und die nicht durch Roboter ersetzt werden.

Sind bislang mehr Berufe ausgestorben oder hinzugekommen?
Wenn man durchzählt, was heute alles als Beruf gilt, dann gab es dank der Spezialisierungen praktisch eine explosive Vermehrung der Berufe. Früher ist man bei dem Fleischer in die Lehre gegangen und hat dann Wurst gemacht und verkauft und natürlich auch noch selbst geschlachtet. Heute gibt es Dutzende berufliche Qualifikationen in der Fleischwirtschaft – bis hin zur Hygienefachfrau und dem Sommelier für Fleisch. Das Beispiel kann man auf zahllose Berufe übertragen.

Gibt es auch aussterbende Berufe, über die wir uns wundern werden?
Interessanterweise gibt es auch wissensintensive Berufe mit einem hohen Anteil relativ standardisierter Aufgaben – bei Rechtsanwälten und Notaren zum Beispiel. Auch manche medizinischen Berufe sind davon betroffen oder Managementaufgaben, Steuerberaterjobs etc. Auch bei Berufen, die aufgrund ihrer hohen Qualifikation lange als unantastbar galten, existieren daher Spezialisierungen, die genauso überflüssig werden wie der Bücherschlepper in der Bibliothek. Natürlich ersetzt kein Roboter einen Richter – obwohl der Roboter sicherlich weniger für Stimmungen anfällig ist, die Entscheidungen beeinflussen können. Aber die Menschen werden weiterhin vor einen Richter treten wollen, nicht vor einen Roboter.

„Lern was Gutes, dann hast du einen sicheren Job“, gilt nicht mehr so uneingeschränkt wie früher...

Dr. Karlheinz Steinmüller (67) ist wissenschaftlicher Direktor von Z_punkt The Foresight Company. Der Physiker und promovierte Philosoph hat gemeinsam mit seiner Frau Angela eine Reihe Science-Fiction-Bücher, drei Werke über Zukunftsforschung und eine Darwin-Biografie verfasst. Er lebt und arbeitet in Berlin.

 

TEXT: M. BOKELMANN
FOTO: ©Z_PUNKT THE FORESIGHT COMPANY
DESIGN: M. HOLTKAMP

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