einwort

einwort ist das Magazin der Evangelischen Kirchengemeinde Bottrop. Für jede Ausgabe wählen wir ein Wort, dessen Breite und Länge und Tiefe und Höhe wir ausloten. Wir glauben, dass ein Wort die Seele gesund machen kann. Auf der Suche nach den richtigen Wörtern erzählt einwort von Gott und der Welt. Denn am Anfang von allem war das Wort, und das Wort war bei Gott.

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von Ev. Kirchengemeinde Bottrop

SCHMIDT: Auf dem Weg hierhin habe ich gedacht: Retten ist ein so großes Thema. Da denkt man eher an Seenotrettung oder an die Rettung Verschütteter nach einem Erdbeben, aber gewiss weniger an unsere Beratungstätigkeit. Unser Beruf ist im Vergleich alltäglicher und weniger die Rettung. Wir geben eher Anstöße.

SCHLÜTER: Das stimmt. Aber ich fand Rettung als Thema gar nicht so weit entfernt. Es gibt in unserem Umfeld immer Probleme wie Schulabschluss, Berufsfindung oder auch etwas Familiäres, aus dem unsere Klienten gerettet werden wollen. Sie wollen das Problem lösen, sind tief verstrickt und brauchen Hilfe. Durch die Hilfe kommt die Rettung.

SCHMIDT: Im Bereich der Vormundschaft bin ich hauptsächlich für minderjährige Flüchtlinge zuständig, die ohne Schutz und Familie nach Deutschland kommen. Ich werde dann zu deren Erziehungsberechtigtem. Oft sind die Jugendlichen schon 16 oder 17 Jahre alt, und in der kurzen Zeit bis zur Volljährigkeit ist oft nur wenig möglich. Aber sie freuen sich alle sehr darüber, einen festen Ansprechpartner zu haben, der ihnen einen Weg zur Selbsthilfe zeigt.

NEUMANN: Schwierig finde ich immer, wenn junge Einzel-Flüchtlinge gerade volljährig werden. Mit 18 bricht bei denen das offizielle Helfernetzwerk weg und die tiefe Hoffnung, die eigene Familie nachholen zu können, meistens auch.

SEEBERG: Mir hilft es, dass ich eigentlich nie ganz alleine unterwegs bin. Im Bereich Schule haben wir ein großes Netzwerk, das uns auch unterstützt. Bei Familienproblemen weisen wir zum Beispiel den Weg zum Jugendamt. Und durch das interne Netzwerk bei der evangelischen Kirche in Bottrop finden wir oft auf kurzem Weg Hilfe – durch Berufsberater, Integrationshelfer, Schwangerschaftskonfliktberater und so weiter. Manchmal reicht es ja auch schon, wenn wir uns selbst bei den Kollegen informieren können.

SCHMIDT: Der Austausch ist gerade in der Vormundschaft ganz wichtig. Hier müssen wir oft mit dem Jugendamt reden, aber auch mit Mentoren, Bezugsbetreuern und den Schulen. Auch, um überhaupt Entscheidungen treffen zu können.

A. SEEBERG:

Mir begegnet nur selten
jubelnde Dankbarkeit, sondern
eher eine stille Zufriedenheit.

NEUMANN: Wir haben auch häufig Kontakt zu Rechtsanwälten, Arbeitskreisen, Rückberatern und dem Rückkehrforum NRW. Bei denen können wir uns immer melden, wenn wir eine Frage haben, die beraten sozusagen die Berater. Meistens bekommen wir am gleichen Tag noch eine Antwort.

SEEBERG: Am schönsten ist es, wenn man wirklich einen Unterschied machen kann. Mir begegnet nur selten jubelnde Dankbarkeit, sondern eher eine stille Zufriedenheit. Wichtig finde ich, in den Jugendlichen die Erkenntnis zu wecken, dass sie Hilfe brauchen. Ein Kind, das aus der Familie genommen wird, weil es geschlagen wird, ist nicht unbedingt dankbar, von der Familie getrennt zu werden. Aber ich habe es trotzdem vor der Gewalt gerettet. Dankbarkeit ist daher für mich so ein zweischneidiges Ding.

M. NEUMANN:

Ich erfahre sehr viel Dankbarkeit
in der Rechtsberatung.

SCHMIDT: Manchmal erzählen mir Klienten mitten in der Betreuung von ihren kleinen Erfolgen. Die sind noch lange nicht fertig, aber dennoch schon regelrecht dankbar. Neulich habe ich einen ehemaligen Klienten wiedergetroffen, der mittlerweile volljährig geworden war, und er hat mir ganz stolz seinen Bruder vorgestellt.

NEUMANN: Ich erfahre sehr viel Dankbarkeit in der Rechtsberatung. Das liegt aber oft auch an der Kultur. Gerade die Flüchtlinge aus dem arabischen Raum versuchen sich gegenseitig zu helfen und kommen erst zu uns, wenn die Hilfe untereinander nicht mehr reicht. Diese zeigen dann auch meist große Dankbarkeit. Bei der Ausreiseberatung ist das natürlich etwas anders. Es ist eine ganz andere Art von Beratung und auch von Dankbarkeit.

SCHLÜTER: Manchmal gibt es auch Themen, die für mich neu sind. Und dann muss ich auch mitunter neue Methoden finden, wie ich dann abschalten kann. Oft hilft mir hier die Nachbesprechung im Team.

L. SCHLÜTER:

Wenn es um den pompösen
Begriff Retten geht, ist das für
mich ein sehr kleiner Teil.

SEEBERG: Für gewöhnlich ist bei mir ein Haken dahinter, wenn ich zuhause bin. Einzelfälle ausgenommen. Diese Abgrenzung ist eine wichtige und professionelle Kompetenz in unserem Beruf.

SCHMIDT: Genau. Es gibt natürlich immer Fälle, die so intensiv sind, dass sie einen so schnell nicht loslassen. Damit beschäftigt man sich dann noch eine Zeit und macht dann die Schublade im Kopf zu und sagt: „Jetzt ist Feierabend.“

SCHLÜTER: Es ist eben auch eine Arbeit und ein Beruf, den wir haben. Wenn es um den pompösen Begriff Retten geht, ist das für mich ein sehr kleiner Teil. Ich gehe nicht zur Arbeit, um zu retten, sondern um zu beraten und zu helfen. Ich würde mich also niemals hinstellen und sagen: Ich bin ein Retter.

S. SCHMIDT:

Wenn mein Klient meint, dass
ich ihn gerettet habe, dann ist
das eine Formulierung, die ich
gelten lassen würde.

NEUMANN: Ich denke schon, dass man unsere Arbeit auch als Rettung bezeichnen kann. Oder man kann eben sagen, dass wir dem Menschen geholfen haben, sich zu retten.

SCHMIDT: Wenn mein Klient meint, dass ich ihn gerettet habe, dann ist das eine Formulierung, die ich gelten lassen würde. Ich denke aber auch, dass unser Beruf in der Außenwirkung manchmal überhöht wird. Es ist ja nicht so, dass wir mit einem Superheldenkostüm kommen und sagen: Hier bin ich, jetzt wird alles gut! Von daher ist der Begriff Retten vielleicht etwas hoch gegriffen. Wir helfen, unterstützen und begleiten. Und manchmal kann das vielleicht auch Rettung sein.

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Herausgeber:
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V.i.S.d.P.:
Pfarrerin L. Krengel, Pfarrer S. Riesenberg

Redaktion:
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