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einwort ist das Magazin der Evangelischen Kirchengemeinde Bottrop. Für jede Ausgabe wählen wir ein Wort, dessen Breite und Länge und Tiefe und Höhe wir ausloten. Wir glauben, dass ein Wort die Seele gesund machen kann. Auf der Suche nach den richtigen Wörtern erzählt einwort von Gott und der Welt. Denn am Anfang von allem war das Wort, und das Wort war bei Gott.

Hilfe auf Standby

von Ev. Kirchengemeinde Bottrop

Am 30. Dezember 2009 wurde der Arzt Michael Etges gefragt, ob er eine internationale Hilfsgruppe als Mediziner begleiten möchte. Zwei Wochen später klingelte das Telefon zu seinem ersten Einsatz.

Ein Lächeln. Das ist es, was man als Erstes wahrnimmt, wenn man mit Michael Etges spricht. Er, der Arzt für Palliativmedizin, der zweite Vorsitzende eines der größten ambulanten Hospize NRWs, der Mitinhaber einer Gemeinschaftspraxis mit 10 Ärzten und Assistenzärzten. Er hat so viel mit den Themen Sterben, Tod und Trauer zu tun, dass einem schwindelig werden könnte. Ein besonderer Mann, mit einer besonderen Geschichte, die nicht erst in der Notfallmedizin begann und nicht in seinem Beruf als Allgemeinmediziner endet. Dieser Michael Etges ist – neben zahllosen ehrenamtlichen Tätigkeiten – auch für die International Search-and-Rescue-Organisation I.S.A.R. aktiv.

Quer über die Insel

„Jedes Jahr treffe ich mich am 30. Dezember mit anderen Medizinern zu einem freundschaftlichen Miteinander. In diesem Rahmen wurden mein Freund und Kollege Dr. Peter Kaup und ich vor fast 10 Jahren gefragt, ob wir nicht als Ärzte bei I.S.A.R. mitmachen wollen. Wir haben direkt zugesagt.

Zwei Wochen später hörte ich in den Nachrichten von einem schweren Erdbeben in Haiti. Das wurde mein erster Einsatz.“ Es ist der 13.1.2010, vorbereitet hatte er zu diesem Zeitpunkt nichts. Schnell besorgte seine Frau eine Grundausstattung für den Ersteinsatz: Wanderrucksack, Sicherheitsschuhe, Arbeitshose, Schlafsack und einen vorläufigen Reisepass. Der alte war natürlich abgelaufen. Die übrige Schutzausrüstung stellte die I.S.A.R. Binnen Stunden startete in Frankfurt der Flug zur Karibikinsel.

Zunächst allerdings in die im Osten der Insel gelegene Dominikanische Republik, weil der Flughafen im westlichen Haiti zerstört war. „Also wurden vor Ort Busse und Laster organisiert, mit denen wir mit unserer Ausrüstung noch mal fast 24 Stunden quer über die gesamte Insel fuhren. Auf dem etwa 25 Kilometer vom Epizentrum entfernten Flughafen Portau-Prince erwarteten uns bereits die UNO-Blauhelmtruppen, die vor Ort alles organisierten.″

Rettung durch die Tagesschau

Die Zerstörung vor Ort war immens. Insgesamt sind etwa 320.000 Menschen unmittelbar oder an den Spätfolgen des Bebens der Stärke 7,0 gestorben. 1,8 Millionen Menschen wurden obdachlos. Ein Drittel der gesamten haitianischen Bevölkerung wurde Opfer der Naturkatastrophe. Damit war es das schwerste Beben in der Geschichte Nord- und Südamerikas und zugleich das verheerendste Beben des 21. Jahrhunderts weltweit.

Diesen Superlativen zum Trotz war die Situation bei Etges' Eintreffen vergleichsweise entspannt. Zwei Tage durchsuchte er noch mit seinem Team die Trümmer nach Überlebenden, danach kümmerte er sich mit einer belgischen Organisation um die Verletzten. „Wir mussten dort Menschen, die bereits notdürftig behandelt waren, erneut versorgen, weil ein Bruch gerichtet oder Wunden gereinigt werden mussten. Das klingt banal, aber die Rettung zieht ja noch viel größere Kreise.“ Heißt: Wenn ein deutsches Hilfsteam in Katastrophengebiete reist, bringen auch die deutschen Medien die Bilder in die Tagesschau. So erfahren wir von dem Unglück, die Spendenbereitschaft steigt. Mit diesem Geld kann man mitunter mehr Menschen retten, als es ein Einzelner bei seinem kurzen Aufenthalt überhaupt könnte

Dienst am Menschen

Eine Woche war Etges damals vor Ort. Dann ging es den gleichen Weg zurück wie das Team gekommen ist. Inklusive Transporte war er 14 Tage unterwegs. Für Auslandseinsätze ein übliches Zeitfenster. Sehr ähnlich war es dann auch, als der Taifun Haiyan im November 2013 auf die Philippinen-Inseln der Visayas-Gruppe traf. Haiyan war einer der stärksten tropischen Wirbelstürme, die seit Beginn der Wetteraufzeichnungen beobachtet wurden. „Anders als auf Haiti waren die Schäden an den Gebäuden hier deutlich geringer, darum konnten wir hier sofort mit den medizinischen Arbeiten beginnen.“

Klingt nach businessas usual, doch normales Arbeiten, wie wir es hierzulande kennen, ist das nicht. Michael Etges hat in seinem Leben bereits viel Leid gesehen, und dennoch strahlt er auch in seiner Erzählung Ruhe aus. Zwischen Zivildienst und Medizinstudium hat er zunächst drei Semester evangelische Theologie studiert. Der Glaube könnte ein wichtiger Motor und Motivator sein. „Ein Satz aus der Kirche ist für mich Sinnbild meines Lebens: Gottesdienst ist der Dienst am Menschen! Ich würde zwar nicht sagen, dass ich grade deswegen Arzt geworden bin, aber mein Glaube hat mich dazu bewogen, mehr als nur meinen Beruf auszuüben und auch ehrenamtlich tätig zu sein. Wenn auch nicht in der Kirche selbst.“

Hilfstruppen-Checker

Und dann kam 2015 das schwere Erdbeben in Nepal. Mit einer Magnitude von 7,8 MW gilt es heute als die tödlichste Katastrophe in der Geschichte Nepals. Laut der nepalesischen Regierung starben knapp 8.800 Menschen an den Folgen des Bebens, rund 22.300 wurden verletzt. „Nepal war für uns im Grunde vergleichbar mit Haiti, doch obwohl die Erde in Nepal stärker bebte, waren die Zerstörungen deutlich geringer.“

Auch dort tat er, was ein Arzt tun muss, kam zurück und befindet sich seitdem im Standby, während die Reisetasche fix und fertig auf dem Dachboden des Einfamilienhauses wartet. Und während sich die Einsätze im echten Krisengebiet reduzierten, bildet er heute verstärkt die Hilfsteams U.S.A.R. (Urban Search-and-Rescue) aus, die – wie er – im Katastrophenfall ins Epizentrum des Dramas vordringen, um aktiv zu helfen. Dazu reist er durch die Welt und zertifiziert die dortigen Teams, damit sie im Falle eines Falles reibungslos wie ein Uhrwerk funktionieren. Quasi: Rettung mit Zertifikat. Und ein Ehrenamt für die Katastrophen von morgen.

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