einwort

einwort ist das Magazin der Evangelischen Kirchengemeinde Bottrop. Für jede Ausgabe wählen wir ein Wort, dessen Breite und Länge und Tiefe und Höhe wir ausloten. Wir glauben, dass ein Wort die Seele gesund machen kann. Auf der Suche nach den richtigen Wörtern erzählt einwort von Gott und der Welt. Denn am Anfang von allem war das Wort, und das Wort war bei Gott.

2E 4K

von Ev. Kirchengemeinde Bottrop

In Deutschland gibt es über 900 Tafeln. Orte, an denen für einen symbolischen Euro frische Lebensmittel für Bedürftige ausgegeben werden. Manchmal auch Seife oder Schokolade.

Rund 40 Ehrenamtliche und sogenannte Ein-Euro-Jobber bauen aus Tischen einen Rundweg aus frischem Gemüse, Obst, Brot, Fleisch, Milchprodukten und noch vielem mehr.

Halb Zehn in Bottrop. Die Eingangstür der Tafel in dem alten Zechenhaus auf der Gladbecker Straße ist noch geschlossen. Davor steht bereits eine Menschentraube. Jeder hält eine große leere Tasche in der Hand und wartet. Hinter der verschlossenen Tür herrscht Hektik. Rund 40 Ehrenamtliche und sogenannte Ein-Euro-Jobber bauen aus Tischen einen Rundweg aus frischem Gemüse, Obst, Brot, Fleisch, Milchprodukten und noch vielem mehr. Parallel dazu wird frisch geliefertes Gemüse ausgelegt. Gespendete Lebensmittel, die allesamt aus Bottrop kommen.

Zettel zum Glück

Um hier seine Tasche zu füllen, muss man entweder Hartz-IV-Bezieher sein oder über eine derart minimale Rente verfügen, dass sie bis zur sogenannten Grundsicherung aufgestockt wird. Außerdem muss die eigene Wohnung eine Kochstelle besitzen. Wenn das alles erfüllt ist, erfassen die Mitarbeiter der Tafel die Personendaten in einem Computer und klären zugleich, für wie viele Personen hier essbare Hilfe angeboten wird. Zwei Eltern mit vier Kindern erhalten das Kürzel 2E 4K. Eine Basisinfo. Will der Besucher an die Lebensmittel, wirft der Computer zunächst diese Info raus. Der Kunde bekommt daraufhin einen kleinen Zettel mit seinem Kürzel angeheftet, damit die Personen hinter den Tischen wissen, wie viel sie ausgeben dürfen.

1.200 Bottroper pro Woche

Dieter Kruse, der Polizeihauptkommissar im Ruhestand, behält in dem Backsteingebäude vor allem den großen Überblick.

In all dem Gewusel steht ein Mann, der mit stoischer Ruhe die Geschicke leitet – Dieter Kruse. Der 75-Jährige ist seit der Gründung der Bottroper Tafel 2002 dabei. Er kennt sie alle: Die, die austeilen – und die, die einstecken. „Wir versorgen jede Woche rund 1.200 Bottroper. Ganze Familien, aber auch Einzelpersonen. Und manche sind so gebrechlich, dass wir ihnen sogar einen ganzen Bananenkarton voller Lebensmittel nach Hause bringen. 30 Personen sind das etwa.“ Außerdem schmiert die Tafel Pausenbrote für 12 Bottroper Grundschulen. Brote für Kinder, die nichts mit zur Schule nehmen und mitunter auch vor dem Schulbesuch nichts gegessen haben, weil es Zuhause einfach keine Rolle spielt. Macht 220 belegte Brote mit frischem Obst. Jeden Tag. Dazu kommen an Weihnachten 1.200 Geschenkpäckchen, eine ganze Abteilung mit Altkleidern und Schuhen, Kinderspielzeug und Hausrat. Die Tafel ist längst mehr als nur eine Sammelstelle für Salat und Brot.

Die Tafeln haben sich längst zu einem wichtigen Instrument für die Mittellosen unserer Gesellschaft entwickelt. Es ist wohl niemand stolz, hierhin zu gehen. Aber jeder, der den Schritt geht, kommt nicht mehr drum herum. Und im Grunde spielt es ja auch keine Rolle: Kann der Koch kochen, ist das Essen – unabhängig von der Größe des Portemonnaie – eben lecker. Im besten Fall.

Für viele ist es die einzige Möglichkeit, über die Runden zu kommen. Auch in Bottrop.

Discounter-Ware

Jeder, der hier arbeitet, darf sich auch selber eine Tasche packen.

Eine Mitarbeiterin ist Susanne Steinbach. Die 46-jährige Bottroperin ist seit fast 2 Jahren dabei. Keine Ausbildung, keine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt, aber hier ist sie eine willkommene Unterstützung, auf die man sich verlassen kann. Während draußen die Kunden warten, räumt sie das Gemüse in die bereits halb gefüllten Regale. Jeder, der hier arbeitet, darf sich auch selbst eine Tasche packen. Bei dem Verdienst von einem Euro pro Stunde eine durchaus wertvolle Ergänzung für das chronisch knappe Haushaltsbudget. „Ich nehme mir zweimal wöchentlich Lebensmittel von hier mit und habe festgestellt, dass es von hier genau so gut schmeckt wie vom normalen Laden.“ Kein Wunder: Alle Lebensmittel stammen von Discountern aus Bottrop. Dazu kommen Bauern aus Kirchhellen, Tankstellen etc. Kurz: Jeder Laden, der Lebensmittel verkauft, kann spenden – und viele tun es auch.

Kein Recht auf Gurken

Dabei sind die Spenden tatsächlich eine Win-Win-Situation. Als kaufkräftiger Kunde greift man zum Apfel ohne Delle, zur Dose ohne Beule und zur 1A-Salatgurke. Waren mit Gebrauchsspuren lassen sich hingegen kaum noch auf dem üblichen Weg verkaufen. Läden müssen diese Produkte kostspielig entsorgen. Also holen fünf LKW der Tafel die Lebensmittel im gesamten Bottroper Stadtgebiet ab. Mitarbeiter sortieren anschließend, reinigen, befreien von braunen Blättern, schimmeligen Erdbeeren, matschigen Tomaten oder faulen Kartoffeln. Was übrig bleibt, ist einwandfreie Ware. Nicht mehr – nicht weniger. Einzig: Es gibt keinen Anspruch auf bestimmte Lebensmittel. Werden keine Gurken gespendet, gibt es auch keine Gurken.

Respekt wahren

Kruse nennt die Besucher der Tafel „seine Kunden“. Was soll er auch sonst sagen? Im Grunde ist die Tafel ein besonderer Discounter. Und dort kaufen eben Kunden. Der Polizeihauptkommissar im Ruhestand behält in dem Backsteingebäude vor allem den großen Überblick. Er passt auf, dass die vielen Nationalitäten auch untereinander Ruhe und Respekt wahren und vor allem Frieden herrscht. Nicht immer leicht. Viele Flüchtlinge sprechen kein Deutsch, viele ausländische Kunden kennen keinen Weißkohl und doch müssen sich alle Besucher der Tafel an Regeln halten. Nicht drängeln, nicht einfach in die Lebensmittel greifen ... eigentlich normale Umgangsformen. Aber auch in üblichen Läden nicht immer anzutreffen. Da spielt der Wohlstand wohl nur eine untergeordnete Rolle.

„Ich nehme mir zwei mal wöchentlich Lebensmittel von hier mit und habe festgestellt, dass es von hier genau so schmeckt wie vom normalen Laden.“

Ein Dank an Gott

Früher bedienten sich die Kunden selbst, heute teilen Mitarbeiter aus.

Auch Jenny Weiß (35) arbeitet mit einigen Unterbrechungen seit fast 4 Jahren bei der Tafel. Sie gehört einer deutschen Sinti-Familie an, wurde mit 15 erstmals Mutter und hat heute zwei bereits erwachsene Kinder. Keine Ausbildung, kein Beruf. Aber eine motivierte und gläubige Christin und Mitarbeiterin der Tafel. „Wenn ich mir ansehe, wer hierhin kommt, darf ich mich oftmals glücklich schätzen, wie gut es mir in diesem Land geht. Dafür danke ich Gott. Natürlich ist nicht jeder Tag toll, aber grundsätzlich bin ich wirklich zufrieden.“ Ihre Großeltern waren im Dritten Reich noch im KZ. Die Geschichte macht demütig – erst recht, wenn sie einen so unmittelbar betrifft.

Frisches mit Delle

Im Kühlhaus liegen Fisch und Fleisch, Wurst und Butter. Früher bedienten sich die Kunden selbst, heute teilen Mitarbeiter aus, damit es gerecht zugeht. Schließlich ist die Menge der Waren an jedem Tag unterschiedlich. Die Tafel lebt ausschließlich von Lebensmittel- und Geldspenden. Und hier wird einiges fällig: Alleine die Kaltmiete für das Gebäude beträgt im Monat 2.800 Euro. Zugleich arbeiten hier fast 60 Leute. Ein bemerkenswertes wirtschaftliches, aber auch logistisches Projekt. Und ein soziales. Und ein christliches. Obendrein ein gesellschaftliches. Eigentlich vereint die Tafel sehr viele Ebenen. Und sie zeichnet auch ein Bild unserer Konsumgesellschaft: Die einen können es sich leisten, Waren aus nichtigen Gründen abzulehnen oder sogar wegzuwerfen, die anderen sind auf das angewiesen, was übrigbleibt. Dass dies oftmals erstklassige Güter mit kleinen Dellen sind, ist umso perfider.

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