einwort

einwort ist das Magazin der Evangelischen Kirchengemeinde Bottrop. Für jede Ausgabe wählen wir ein Wort, dessen Breite und Länge und Tiefe und Höhe wir ausloten. Wir glauben, dass ein Wort die Seele gesund machen kann. Auf der Suche nach den richtigen Wörtern erzählt einwort von Gott und der Welt. Denn am Anfang von allem war das Wort, und das Wort war bei Gott.

Messer, Sessel, Kanne & Co.

von Ev. Kirchengemeinde Bottrop

100 Jahre Bauhaus

Das staatliche Bauhaus hat die Normen in Kunst und Architektur aufgebrochen und in nur 14 wilden Jahren für immer umgekrempelt. Auch der Bottroper Josef Albers hat hier stilprägend gewirkt. In diesem Jahr wird das Bauhaus 100 Jahre. Ein ausblickender Rückblick.

Charles Darwin hat 1859 sein bahnbrechendes Erstlingswerk über die Entstehung der Arten geschrieben. Erstmals stand dort schwarz auf weiß – und hinreichend plausibel aufgeklärt –, dass Menschen und Affen einen gemeinsamen affenartigen Urahn haben. Damals, Mitte des 19. Jahrhunderts, war der Ansatz revolutionär. Heute ist er längst etabliert. Dass auch im 21. Jahrhundert die sogenannten Kreationisten die Darwin’sche Lehre fundamental ablehnen, sei eher als skurrile Randnotiz erwähnt. Heute erkennen wir die Entwicklung von Lebewesen auch, indem wir dank fossiler Überreste Entwicklungen sichtbar machen können. Wir erlauben uns einen Rückblick, um den Moment zu verstehen. Dieses Prinzip ist letztlich für jede Betrachtung zwingend notwendig. Nur wenn man weiß, in welchem politischen, kulturellen, technischen und gesellschaftlichen Umfeld die Beatles zu einem Phänomen erwuchsen, erkennt man ihre zeitlose Bedeutung für die Kultur. Der isolierte Höreindruck anno 2019 reicht dazu nicht aus. Er gibt nur einen Schattenwurf wieder, der dem Werk nicht gerecht wird. Genauso verhält es sich mit dem geraden und schnörkellosen Löffel in unserer Besteckschublade, unserem Bücherregal, dem schwingenden Sessel, der Lampe, dem Bild an der Wand und dem ganzen Gebäude drumherum. Das Bauhaus hat unseren gesamten Alltag mit Gegenständen durchflutet, die wir kaum noch als Bauhaus wahrnehmen. Und damit sind sie genau das geworden: alltäglich – eins der essenziellen Ziele aller Bauhaus-Jünger.

DER ALBERS IM REGAL

Das Bauhaus-Logo, 1922 entworfen von Oskar Schlemmer

Josef Albers war einer von ihnen. 1920 ging der gebürtige Bottroper ans Bauhaus nach Weimar und reifte – als ältester Schüler vor Ort – zum Werkmeister für Glas. Er produzierte Grafiken, Möbel, Fotos und eben Glasfenster und -objekte, die später dann auch zum Teil ins Bottroper Quadrat zurückfanden. Ein Farbexperte, der nach der Machtergreifung Hitlers mit seiner Frau Anni (selbst Textilkünstlerin von Weltrang) in die USA emigrierte und von dort aus die Bauhaus-Idee auch im akademischen Umfeld fortsetzte. Interessant ist, dass Architekten, Grafiker und Designer zu seinen Schülern wurden, wie zum Beispiel Donald Judd, der u. a. minimalistische Regalsysteme entwickelte, die scheinbar freischwebend an der Wand hängen. Heute kann man Pendants bei IKEA erwerben. Überhaupt ist IKEA ein Schmelztiegel Bauhaus’scher Stilelemente. Billy ist Bauhaus in Reinkultur. Hoch funktional, seriell wie massenhaft gefertigt und somit preiswert und dann auch noch selbst aufzubauen. Damit entwickelt sich der Käufer als Teil der Wertschöpfungskette vom reinen Konsumenten zum Nutzer. Bauhaus pur. Besteck, Stehlampen, Schwingstühle, Töpfe und Kannen. Das schwedische Möbelhaus ist randvoll mit Bauhaus-Zitaten. Bloß nehmen wir es nicht als solches wahr. Dabei folgt auch das Interieur unserer Wohnungen wechselnden Moden, wobei die Evolution der Einrichtung eben doch erst in der bewussten Rückschau verständlich wird. Der Freischwinger-Stuhl von Ludwig Mies van der Rohe war damals revolutionär. Heute ist er ein Stuhl von vielen, weil endlos viele Adaptionen über die Jahrzehnte das Wegweisende ausgewaschen haben. Auch die Wagenfeld-Lampe ist ein Design-Klassiker aus dem Bauhaus, während die moderne Adaption aus dem Katalog beinahe frech mit der einleuchtenden Ähnlichkeit zum stilprägenden Original kokettiert. Die Beispiele sind grenzenlos. Weil Bauhaus grenzenlos ist.

Runtergekommen und hochverehrt

Das macht sich auch in der kühnen wie sachlichen Architektur fest: In Tel Aviv steht ein Gebäude, das sich so strikt ans Bauhaus anlehnt, dass es längst in die Liste der Bauhaus- Häuser eingereiht ist. In Kabul fand ein Kinopalast im Bauhaus-Stil bei einem Bombenangriff sein ruinöses Ende und leuchtete doch bis dahin im beinahe zeitlosen Glanz. Eine Uni in Neu-Delhi, eine Textilfabrik in Russland, eine Reinigung in Burundi, ein Hotel in den USA. Die Bauhaus-Architektur findet sich auf der ganzen Welt wieder. Wie der Löffel und die Lampe und das Billy-Regal. Dass die Besonderheiten vieler Gebäude lange nicht wertgeschätzt wurden, ist ein viel zu menschliches Phänomen: Die Dinge werden eben oft erst besonders, wenn der zeitliche wie emotionale Abstand zu ihnen wächst, weil nur so die Retrospektive wirklich funktioniert.

Heute ist das Bauhaus längst Teil des Kulturbegriffs. Es ist schlichtweg Kult – während die Originallöffel aus den 1920er Jahren verkratzt und angelaufen den Alltag überdauern, die hochverehrten Sessel angerostet und abgerissen durch die Zeit reisen, die Gebäude bemitleidenswert verkommen und die Glaskörper der Urlampen längst zerbrochen sind. 100 Jahre Bauhaus sind ein willkommenes Jubiläum, um die routinierte Banalität eines funktionalen Messers wenigstens einmal zu überdenken. Oder gleich jeden x-beliebigen Gegenstand daheim.

Bauhaus

Das Staatliche Bauhaus, heute meist nur „Bauhaus″ gebannt, wurde 1919 von Walter Gropius in Weimar als Kunstschule gegründet und stellt die Zusammenführung von Kunst und Handwerk dar. Als weltweite Heimstätte der Avantgarde der Klassischen Moderne auf allen Gebieten der freien und angewandten Kunst und Architektur, hält die Resonanz des Bauhauses bis heute an und prägt wesentlich das Bild modernistischer Strömungen.

Die Bauhaus-Werkstätten

Druckerei, Glasmalerei, Metallwerkstatt, Tischlerei, Weberei, Fotografie, Wandmalerei, Bühne, Buchbinderei, Töpferei, Architektur, Ausstellungsgestaltung, Harmonisierungslehre

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Redaktion:
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