einwort

einwort ist das Magazin der Evangelischen Kirchengemeinde Bottrop. Für jede Ausgabe wählen wir ein Wort, dessen Breite und Länge und Tiefe und Höhe wir ausloten. Wir glauben, dass ein Wort die Seele gesund machen kann. Auf der Suche nach den richtigen Wörtern erzählt einwort von Gott und der Welt. Denn am Anfang von allem war das Wort, und das Wort war bei Gott.

Ein Löwe, ein Löwe

von Ev. Kirchengemeinde Bottrop

Arslan Arslan: Wir waren arm und so begann ich mit 12 Jahren zu arbeiten.

1971 wurde der junge Bergmann Arslan Arslan in der Türkei von Anwerbern auf ein Leben im Wirtschaftswunder-Deutschland angesprochen. 25 Jahre später fuhr er das letzte Mal auf Prosper-Haniel ein.

Die Haare sind grau, der Schnauzbart auch. Arslan Arslan sitzt entspannt auf dem Stuhl im EL ELE Zentrum für Migration, in dem die Integrationsagentur ihren Sitz hat. Die Aufgabe von Frau Semi Böge als türkischstämmiger Sozialpädagogin ist u.a. die Öffnung der Gesellschaft für die „Anderen“. In diesem Fall sorgt sie dafür, dass die persönliche Geschichte des Herrn Arslan Arslan, der als „Gastarbeiter“ nach Deutschland kam und zum wirtschaftlichen Aufschwung mit beigetragen hat, an die Öffentlichkeit getragen wird. Sie will die Leistungen der „Gastarbeitergeneration“ gewürdigt wissen und die öffentliche Wahrnehmung für dieses Thema schärfen.

„Ich komme aus einem sehr ländlichen Vorort der Stadt Amasya, im Hinterland der Schwarzmeerküste. Dort ging ich ab dem siebten Lebensjahr zur Grundschule – bis ich zwölf wurde. Mehr Schuljahre habe ich nicht besucht. Meine Familie hatte einfach kein Geld, um mich weiter zur Schule schicken zu können. Außerdem habe ich noch sechs Geschwister. Wir waren regelrecht arm, also habe ich mit 12 Jahren angefangen, in der Landwirtschaft meines Vaters mitzuarbeiten. Das war schwere Handarbeit auf dem Feld. Mit 16 habe ich dann angefangen, in einer Mehlfabrik zu arbeiten. Ein Sack wog 71,5 Kilo. Täglich habe ich bis zu 150 Säcke fertig gemacht und hin und her transportiert.“

Der 71-Jährige hat natürlich später Deutsch gelernt und ein Vierteljahrhundert auch gesprochen. Aber die türkische Gemeinschaft ist so stark, die Familien und Freundschaften zu den Landsleuten so eng, dass die deutsche Sprache für viele Gastarbeiter einfach eine Fremdsprache bleibt. Nach dem Arbeitsleben hat er seine Deutschkenntnisse schlichtweg verlernt. Er brauchte sie nicht mehr.

„Vier Jahre habe ich in der Mehlfabrik gearbeitet, dann zwei Jahre im Militärdienst und schließlich ein Jahr im türkischen Bergwerk. Damals kamen türkische Anwerber auf uns zu und erzählten uns von den Arbeitsmöglichkeiten in deutschen Bergwerken. Vom Verdienst, den Lebensbedingungen. Der Entschluss, diesen Schritt zu gehen, fiel überlegt, aber schnell, also habe ich mich in die Liste für Deutschland eingetragen. Vorher musste ich allerdings erst noch in die nächste Provinzstadt, wo ein deutscher Ingenieur und ein türkischer Übersetzer auf uns warteten. Man hat dort unsere Hände kontrolliert, ob wir richtige Arbeiterhände haben. Und entweder war man dann weiter oder eben nicht. Ich war arbeitsfähig

 

Arslan Arslan: Der Glaube an meine Familie hielt mich damals über Wasser.

Arslan heißt auf Deutsch „Löwe“. Dass Vor- und Nachname identisch sind, darf wundern, muss es aber nicht. Bei dem Arbeitspensum, das Arslan in seinem Leben absolviert hat, ist es auf jeden Fall ein passender Name.

Nomen est omen: Arslan heißt auf Deutsch „Löwe“. Das Vor- und Nachname identisch sind, darf wundern, muss es aber nicht. Bei dem Arbeitspensum, das Arslan in seinem Leben absolviert hat, ist es auf jeden Fall ein passender Name. Letztlich sitzt hier ein sehr handzahmer Löwe vor uns, erzählt aus seinem Leben und davon, wie es war, in Deutschland anzukommen.

„In Istanbul gab es damals eine Kontaktstelle mit deutschen Ärzten, die uns auf Herz und Nieren checkten. Von der ersten Unterschrift bis zu dieser abschließenden Untersuchung vergingen übrigens gerade mal 15 Tage. Und wer jetzt ausgewählt wurde, bekam ein Flugticket noch für diesen Tag. Ich auch. Ich bin damals ohne Gepäck in Deutschland angekommen und hatte nicht die geringste Ahnung, wo es hingeht. Von Düsseldorf aus kam ich mit 80 anderen Landsleuten direkt ins Ledigenheim nach Bottrop und teilte mir dann mit einem Kollegen ein Zimmer. Drei Tage lang gab es türkisches Essen und eine Rundum-Betreuung. Ab dann waren wir für alles selbst verantwortlich. Verpflegung, Miete, Schlafanzug und Zahnbürste. Alles. In den folgenden 45 Tagen lernten wir dann die deutschen Bezeichnungen der technischen Geräte unter Tage kennen und dann gings auch schon los.“

Gemeinsam fahren wir zur Zeche Ewald nach Herten-Westerhold. Anders als beispielsweise Zollverein wird dieses Areal nur teilweise umgenutzt und erhebt sich daher stellenweise wie ein lost place aus der Klasse der aufgerüsteten Industriedenkmäler. Hier gibt es – neben zahlreichen langsam verrottenden Bereichen – unter anderem die Schwarzkaue, die nach der Schließung 2001 nahezu sich selbst überlassen wurde. Ein besonderer Ort, der auch bei Arslan viele Erinnerungen an seine Zeit als Bergmann hervorruft.

„Die Deutschen haben damals gerne mit uns Türken zusammengearbeitet. Wir haben hart geschuftet und das auch am Wochenende. Natürlich, unsere Familien waren ja auch nicht hier. Ich war in vielen Funktionen und an vielen Stellen tätig, aber immer im Bottroper Bergwerk. Habe im Streb gearbeitet, als Stricker und auch ganz vorne, wo wir die Kohle mit dem Presslufthammer als Abräumer aus dem Berg geholt haben. Die deutsche Technik war damals deutlich besser, als das, was wir in der Türkei kannten. Trotzdem war es natürlich eine schwere Arbeit.“

Arslans Abreise aus der Türkei war mit der Familie abgesprochen. Auch mit seiner Frau. Sie blieb in der Türkei, wollte Arslan doch ursprünglich nur drei oder vier Jahre in Deutschland bleiben. Zeit, um genug Geld für eine bessere Existenz in der Türkei zu erwirtschaften. Heute lebt er nur wenige hundert Meter von der Stelle entfernt, wo er damals die ersten Jahre in Deutschland verbrachte.

„Damals ging es mir, ehrlich gesagt, schlecht. Ich habe meine Familie vermisst, es gab in der wenigen Freizeit kein türkisches Fernsehen, kein Radio, keine Zeitungen ... Was mich damals über Wasser hielt, war der Glaube an meine Rückkehr, bis ich mich dann nach drei Jahren entschied, meine Familie doch nach Deutschland zu holen. In der Zeit dazwischen hatten wir kaum Kontakt, weil es in meinem Heimatdorf erst 1978 eine Telefonzentrale gab. Darum habe ich auch erst bei meinem nächsten Jahresurlaub erfahren, dass eins meiner Kinder gestorben ist. Meine Frau wollte mich mit der Tatsache nicht noch trauriger machen, als ich es in der Ferne sowieso schon war.“

Arslan blickt mit Wehmut auf die Zeit zurück und wirkt doch nicht niedergeschlagen. Das Leben hat es offenbar gut mit ihm gemeint und eine Familie geschaffen, die gut zueinander ist und zugleich mit einer Sprachbarriere umgehen muss, die sich unaufhörlich zwischen die Generationen geschoben hat. Eine Verständigung zwischen Opa, Kind und Enkel ist schwierig. Aber sie funktioniert.

„Als meine Familie bei mir war, habe ich nach wie vor viel gearbeitet – manchmal bis zu 16 Stunden – schließlich musste ich nun vier Menschen versorgen. 1984 wollte ich das letzte Mal zurück in die alte Heimat, aber ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht genug gespart, also blieben wir eben. 1995 hatte ich durch die vielen Jahre körperlicher Arbeit dann einen schweren Bandscheibenvorfall, durch den ich arbeitsunfähig wurde. Heute bin ich ein treusorgender Opa, und wenn meine Kinder und Enkel mich fragen, erzähle ich ihnen gerne, wie es damals war, als wir mit 180 Männern nur mit der Kleidung am Körper in Deutschland ankamen, um hier zu malochen.“

TEXT & FOTO: M. BOKELMANN
DESIGN: M. HOLTKAMP

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